Cancer Made Visible

Den Krebs im Außen sichtbar machen und sich ihm zuwenden. Gleichzeitig inneren Wünschen und Sehnsüchten Gestalt geben

»Ich bin hart geworden im Lauf des Lebens, im Lauf der letzten Jahre, in der Schule. Hart, um zu bestehen, hart, um nicht zugrunde zu gehen, hart, um mich selbst zu schützen. Vor lauter Härte, die ich selber aufgebaut und zugelassen habe, hat sich in meinem Körper etwas Hartes gebildet – ein Knoten in meiner rechten Brust.

Ich will heil werden und auch selber heilen — aber ich schaffe es nicht alleine. Dies ist mein zweiter Versuch, mein Leben zu ändern. Ich will sein — ohne Rolle, ohne Maske, bar/wahr. Ich will weich sein, lachen, frei sein, spielen, mein Herz öffnen für mich und für alles, was um mich herum ist — meine Familie, meine Freunde, die Pflanzen, die Tiere, die ganze Erde und all die Wesen, die mich begleiten. Ich freue mich darauf, von A+O begleitet zu werden — eine riesige Chance, mich wirklich und WESENtlich zu entdecken und frei zu sein.«
— G.S.

Wie innen so außen. Wie außen so innen.
Eine Frau hat Krebs. Eine Krankheit, die von außen nicht sichtbar ist – so zumindest glauben wir in unserer Gesellschaft. Beim ersten Treffen sagte uns G., dass sie Brustkrebs hat. Wir sahen sie mit kurzem Haar am Tisch sitzen, eingebettet in eine liebevolle Familie, in einem Fachwerkhaus, das mit viel Liebe von ihr und ihrem Mann restauriert worden war. Sie sagte, sie habe sich noch nie einen Rock gekauft und trüge »nienie« Lippenstift. Sie halte den Laden hier zusammen. Sie wuchs gemeinsam mit 2 weiteren Schwestern auf, ihr Vater hatte sich aber immer einen Sohn gewünscht.

Das bei G. ausgerechnet die Brust – als Symbol der Weiblichkeit schlechthin – erkrankt war, ergab im Zusammenhang mit ihrer Lebensgeschichte einen Sinn: Sie lebte ihre Weiblichkeit nur sehr verhalten und versteckt (Wir beziehen uns hier nur auf diesen spezifischen Fall und möchten dies keinesfalls verallgemeinern). Wir wollten diesem Zusammenhang im Jahresprojekt 2012 gemeinsam auf den Grund gehen.

Die Arbeit:
Die A+O-Methode basiert auf den vier Elementen, den Jahreszeiten und den Temperamenten. Bei unserem ersten Arbeitstreffen steckten – ja, steckten! – wir G. in ein Kleid und Schuhe mit 12 Zentimeter hohen Absätzen. Sie bekam lange Haare und Make-up. Ihr kamen dabei Gedanken einer Seelenkrönung und sie sagte irgendwann: »So fühlt sich Frausein an«. Ein erster Schritt war gemacht, aber es wurde schnell klar, dass G. »nur« über ihr Äußeres keinen Zugang zum Inneren bekommen würde. Eine Reise durch die Elemente, Jahreszeiten und Temperamente begann:

1. Erde — Herbst — Melancholiker
Wir holten uns Unterstützung von einem Schamanen. In einem Waldstück, das G. ausgesucht hatte, begann der Prozess. Nach der Arbeit mit dem Erdelement überschütteten wir G. mit Glitzer und ließen sie in bunte Sachen (Luft) schlüpfen, damit sie den Unterschied, eine neue Leichtigkeit, spüren konnte — und sie hüpfte im Wald herum. Visible — sichtbar.

2. Wasser — Sommer — Phlegmatiker
Wir fuhren an die Ostsee, wo G. den Krebs mit Hilfe eines Tanz- und einer Körpertherapeutin tanzen sollte. Doch das funktionierte nicht, also malte sie ein Bild und wir tanzten ihr das Bild vor. So konnte sie erkennen, wie der Krebs aussieht. Um alles in Fluss zu bringen, fotografierten wir G. noch im Wasser. Die Aufnahmen wurden im Brackwasser gemacht – nicht im Fluss, nicht im Meer, denn G. befand sich immer noch im Transit. Das war bezeichnend für ihr Leben, brachte eine tiefe Erkenntnis für sie.

3. Luft — Frühling — Sanguiniker
In der äußeren Analyse hat G. keinen Luft-Aspekt. Das hieß für uns, es würde schwer werden, diesen Aspekt freizulegen, denn sie hatte ihn ja noch nicht gelebt. Wir bauten einen Zirkus auf und setzten G. im Tutu auf ein Trapez, umringt von Artisten und Schauspielern. Sie mochte dieses Setting so gar nicht, und das zeigte uns, dass es bei der eigentlichen Arbeit um die Leichtigkeit geht, das Schöne, Unbeschwerte und Beseelte.

4. Feuer — Winter — Choleriker
Wir fuhren in die Schweiz zu einer Sufi-Lehrerin,  die bei G. erstmal hauptsächlich Widerstand auslöste. Bei unserer Ankunft sagte uns die Sufi-Lehrerin, wir sollten doch mal auf den Berg hinauf fahren, auf das Jungfraujoch (man beachte den Namen!). In 4000 Metern Höhe kleideten wir G. ganz in schwarz, ein Turban verhüllte ihren Kopf. Sie setzte sich ins Gras, und ein schwarzer Vogel schwebte über ihrem Kopf. Schwarz-weiß steht bei der A+O-Methode für Visionen, Macht, Zerstörung und das Neu-Entstehen. A magic moment – und zugleich der Abschluss eines zutiefst bewegten Jahres mit einer außergewöhnlichen Frau.

Essenz: Wasser + Erde = Granit wurde bisher von G. gelebt. Nichtvorhandene Luft + Widerstand im Feuer = Rebelle.
Nach unserer Arbeit lebte G. ihren rebellischen Aspekt aus: Trennung, Hausverkauf, Neustart, Freisein…